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"Gesangsprobe"

aus : die ZEIT, Nr. 36 vom 28. August 2003
von David Wagner

Ich saß auf einem sehr weichen Sofa vor einer doppelten Schiebetür aus Glas. Ich saß im Black-Box-Studio in Frankreich, hinter den zwei schallisolierenden Scheiben nahm die Band BRITTA ihr neues Album auf.

Ich saß in einer zu einem Studio ausgebauten Scheune auf dem Land, hörte zu, sang manchmal mit und gewöhnte mich an das schnalzende Geräusch der andrehenden Magnetbänder. Analog ist besser, sagte der Produzent, der Zauberer, der Herr der Regler und Knöpfe, der hinter dem riesigen, aus Chicago stammenden Mischpult saß.

Ich hörte zu.
Auf das zuerst eingespielte Schlagzeug folgte der Baß, dann die Gitarren. Zuletzt der Gesang. Gerade nicht beschäftigte Musikerinnen durften mit Struppi, dem Hund, spielen, Gitarre üben oder sich durch die tausenden englischen, französischen und deutschen Zeitschriften lesen, die Generationen von Bands in allen Räumen hinterlassen haben.

Aufnehmen, noch einmal aufnehmen, anhören, besprechen, neu aufnehmen, vergleichen. Und wieder von vorne. Manchmal besteht ein Lied aus mehreren Schichten kleinster Schnipselchen. Nur soll nachher, so wie bei einem Text, keiner mehr hören können, wie und wo sie zusammengeklebt worden sind.

Am vierten oder fünften Tag meines Besuchs, ich hatte alle umliegenden Schlösser, die Loire im Nebel und die Apokalypse auf den Wandteppichen von Angers gesehen, hatte ferngesehen und vier oder fünf Nächte über, bei immer griffbereiten, milden Aufputschmitteln, leise mitsingend, bis in die frühen Morgenstunden hinein vor der sich hin und wieder rauschend öffnenden Doppelglastür ausgeharrt - durfte ich tatsächlich auf die andere Seite. Ja, der Produzent, der Mann mit der coolsten Brille Frankreichs, hatte mich entdeckt.

Man muß nur lange genug in einem Studio herumlungern und leise, singsüchtig vor sich hinsingen, dann wird man schon entdeckt, dachte ich, als ich die Glastür durchschritt und ein Lied mit der bewunderten Christiane Rösinger im Duett singen durfte. Bevor Baß und Schlagzeug einsetzten, war es so still, wie es in einer schallisolierten französischen Studioscheune auf dem Land, weit weg vom nächsten Atomkraftwerk, nur sein kann.

Ganz dicht am Mikrophon hörte ich Christianes und dann auch meine eigene Stimme im Kopfhörer, durch Christianes Stimme hindurch begleitete ich mich selbst. Eigentlich singe ich nur bei mir selbst mit, dachte ich, bevor mir, kurz vor Ende des Refrains die Erleuchtung kam:
All mein Mitsingen, all die tausenden, abertausenden Stunden, die Jahre, die ich zuhause, allein unter dem Kopfhörerzelt in meinem Zimmer mitsingend verbracht hatte, konnten nur Übungsstunden für diesen Moment gewesen sein. Ich hoffe nur, es waren genug. Jedenfalls war da, wo vorher gar nichts, nur Rauschen war, auf einmal ein Lied. An einer Stelle der Platte kann man die Schiebetür übrigens ganz leise rauschend gleiten hören. Ist irgendwie mit auf die Aufnahme gekommen. So hört sie sich an, die Tür zur anderen Seite.

Was alles fehlt - Das Lied. Gesungen von Christiane Rösinger und David Wagner. Zu hören auf Britta, Lichtjahre voraus (Flittchen Records) und auf
www.was-alles-fehlt.de



FLITTCHEN RECORDS / CDs / WAGNER & POHL / LASSIE SINGERS