FLITTCHEN RECORDS / CDs / WAGNER & POHL / LASSIE SINGERS



> Brittas Termine
> Britta in Frankreich

> Brittas Releaseparty
> Britta auf Tour
> Brittas Biographie

> Das schöne Leben
> Lichtjahre voraus
> Kollektion Gold
> Irgendwas ist immer

Presse zu Britta:
> satt.org

> intro
> taz
>jungle world
> wams
> Tonspion
> Rolling Stone
> Tagesspiegel
> standard
> Szene Hamburg
> Musikexpress

 

Tagesspiegel, Berlin Kultur 11.04.2006, von Kristof Magnusson

Das Labern der Anderen

Das harte Leben: Wie die Band Britta mit ihrem neuen Album den Ich-AG-Kapitalismus attackiert

Von Christian Schröder

Das ganze Leben ist ein Quiz, wir sind nur die Kandidaten. Die Preisfrage lautet: „Wer geht putzen und wer wird Millionär?“ Christiane Rösinger singt mit säuselnder Stimme, der Bass bollert, die E-Gitarre knirscht zornig. „Wer lebt prima und wer eher prekär?“, will sie wissen, die Antwort kommt gleich hinterher: „Wer schon hat, dem wird gegeben / Und für uns bleibt nur das schöne Leben / Ja, so läuft’s, und so wird’s weiter laufen / Denn der Teufel scheißt auf den größten Haufen.“

„Wer wird Millionär?“, heißt der Song von Rösingers Band Britta, der dem neuen, gerade erschienenen Album „Das schöne Leben“ (Flittchen Records/Indigo) seinen Titel gegeben hat. Die Habenichtse spucken den Reichen in die Suppe, derbe Kapitalismuskritik in der Tradition von François Villon, Heinrich Heine und – sein Schlager „Ich zähle täglich meine Sorgen“ wird zitiert – Peter Alexander. Vordergründig wirkt das energisch treibende Stück wie eine bittere Abrechnung. „Besser wohnen, auch mal reisen, Champagner, Tanz und Kokain / Das wär ein prima Leben, das kriegen nur die anderen hin / Für uns heißt es weiter rechnen, krebsen, wursteln, durchschlagen.“ „Wir“ gegen „die“, von diesem Furor wird der Pop schon immer angetrieben. Aber dann kommt ein Break, die Gitarren hellen sich auf, der Gesang erhebt sich ins Falsett. Für einen Hass-Song klingt „Wer wird Millionär?“ viel zu fröhlich, es ist eher eine Hymne: auf das Leben und seine Schönheit.

„Man muss das Leben feiern“, sagt Christiane Rösinger. „Man macht sich viel zu selten klar, dass es schon an sich ein Wert ist.“ Dass es überhaupt eine neue Platte von Britta gibt, ist ein mittleres Wunder. Seit das Vorgängeralbum „Lichtjahre voraus“ herauskam, sind zwar erst gut zwei Jahre vergangen. Doch in dieser Zeit ist viel passiert. Weil der Indie-Vertrieb EFA Pleite ging, verschwanden die gesamten Einnahmen von „Lichtjahre voraus“ im Orkus des Konkursverfahrens. Bald darauf wurde Rösinger schwer krank und musste mehrere Monate in Krankenhaus und Rehaklinik verbringen. Am härtesten aber traf die Gruppe der Verlust ihrer Schlagzeugerin Britta Neander, die im Dezember 2004 an den Folgen einer Herzoperation starb.

„Wir haben erst einmal gedacht, das mit der Band hat keinen Sinne mehr“, erzählt die Sängerin. Andererseits wollten Christiane Rösinger und ihre Kolleginnen Barbara Wagner (Gitarre) und Julie Miess (Bass) durchaus weiter Musik machen, am liebsten sogar zusammen. Vor die Alternative Weitermachen oder Auseinandergehen gestellt, entschieden sie sich am Ende fürs Weitermachen. „Aufzuhören“, sagt Rösinger, „wäre genauso sinnlos gewesen“. Die drei Frauen holten Sebastian Vogel in die Band, den Schlagzeuger der Hamburger Diskurspopgruppe Kante, der sie schon bei ihrer letzten Tournee begleitet hatte. „Das schöne Leben“ wurde dann innerhalb von sechs Tagen im „Popschutz“-Studio an der Schönhauser Allee aufgenommen. Das Cover zeigt einen üppig blühenden Kirschbaum, ein schönes Symbol für den Neubeginn. Britta Neander gehört auch weiterhin zur Band, man muss sie sich als so etwas wie eine „Schutzpatronin“ (Rösinger) vorstellen.

Das Interview findet sozusagen an einem historischen Ort statt. Im Kreuzberger Café „Markthalle“ hatten sich Rösinger und Neander Anfang der neunziger Jahre kennen gelernt. Neander, die früher bei Ton, Steine, Scherben getrommelt hat, stand hinter dem Tresen. Rösinger, damals noch bei den Lassie Singers und seit ihrer Jugend in der südwestdeutschen Provinz ein Ton-Steine-Scherben- Fan, trank hier regelmäßig ihren Frühstückskaffee. Sie freundeten sich an, mieteten einen Proberaum und begannen, an Songs zu arbeiten. „Ich geh mit Britta spielen“, hat Rösinger damals immer zu ihrer Tochter gesagt, die irgendwann dachte, dass deren neue Band „Britta“ hieße. Deshalb ist es bei diesem Namen dann geblieben. 1999 erschien beim eigens gegründeten Independent-Label Flittchen Records das Debütalbum „Irgendwas ist immer“.

Die Lassie Singers hatten in schnoddrigen Satz-Gesängen den Hedonismus der Kreuzberger Party-Republik besungen („Leben in der Bar“) und die „Pärchen-Lüge“ angeprangert: „Pärchen verpisst euch, keiner vermisst euch.“ Die Texte von Britta beschäftigten sich weiter mit Problemen im zwischenmenschlichen Bereich („Ich glaub, ich hab ein Faible für Idioten“), mehr und mehr aber auch mit gesellschaftlichen Härten. Auf „Das schöne Leben“, dem vierten Album der Band, sind die Töne noch kämpferischer geworden. Die gröbste Attacke heißt „Menschenfeind“, eine Suada, die sich gegen „Alte Zausel, Indieboys, Neocons, Mutanten / Junge Spießer, Pradafrauen und ihre Anverwandten / Höhere Töchter, Bessere Söhne und eure ganze Schicht“ wendet.

Rösinger ist eine präzise Beobachterin von Stimmungen und Umbrüchen, sie sagt, was ihr nicht passt an der Ich-AG-Gegenwart, und entdeckt im Politischen immer auch das Private. „Ist das ein Leben oder ist es ein Exposé? / Und wenn alles bezahlt wird, tut es dann weniger weh?“, heißt es in „24 Stunden sind kein Tag“, einem Stück, das sie für eine Inszenierung von René Pollesch an der Volksbühne geschrieben hat. „Sind wir zusammen, oder ist es ein Projekt? / Eins, in dem viel mehr Mühe als Vergnügen steckt?“ Dass für die Produktion des Albums in der Regie des ehemaligen Lassie-Singers-Gitarristen Herman Herrman nur ein paar Studiotage zur Verfügung standen, war der prekären Finanzlage der Band geschuldet. „Ich hätte gerne noch ein paar Trompeten-Fanfaren gehabt und bei manchen Songs ein oder zwei Gitarrenspuren mehr“, klagt Rösinger. „Das schöne Leben“ ist trotzdem eine tolle Platte geworden: unfertig auf höchstem Niveau.

Britta stellen ihr neues Album am Mittwoch im Festsaal Kreuzberg vor, Skalitzer Str. 130, 21 Uhr.

_____________________________________________________

Tagesspiegel, Kultur 02.09.2003, von Kristof Magnusson

Echt? Bei mir genauso
Vier Frauen suchen einen Autor:
Britta verabschieden sich mit „Lichtjahre voraus“ von Liebe, Lüge und Glück

Liebesbeschwerden, Zweisamkeitshölle, Beziehungskrieg. Oder es beschleicht einen ganz allgemein das Gefühl, dass alles andere, was in Ordnung sein müsste, einfach nicht in Ordnung ist. In diesem Zustand wurden schon oft hervorragende Platten gemacht. Jetzt ist das mit „Lichtjahre voraus“ der ehemaligen Lassie-Singerin Christiane Rösinger und Britta gelungen. Britta, das sind vier Frauen aus Berlin, die sich um eine lederne Sitzgruppe gruppieren und eine Rockband bilden. Energische Gitarren und Refrains so groß, dass sie in ein Stadion passen könnten, prallen auf Worte wie Säuglingspflege, Abtreibung, Auslandsaufenthalt und Bundesjugendspiele. Nicht eben sexy. Aber das weiß das Frauenquartett selbst: „Wir sind nicht bei Rock am Ring/ Und wir sind nicht bei Rock am See/ Wir wollen da gar nicht hin,/ Und es tut auch nicht mehr weh“, heißt es im Titelsong des Albums.

Warum soll man lange drum herumreden: Britta ist eine erwachsene Band. Hier spielen Frauen, die sich ihr Selbstverständnis nicht erst noch beim Zwölf-Uhr-Frühstück in Friedrichshainer Wohngemeinschaften errauchen müssen. Frauen, deren Leben weitergegangen ist, Frauen, die ein paar mehr Berliner Winter durchlebt haben und sich schon ein paar Jahre länger von Ex-Fastfreund zu Fast-Exfreund hangeln. Gleich das erste Lied, „Fragen“, ist das Destillat jahrelanger Date-Erfahrungen: „Was isst du gerne, wo kommst du her?/ Wie viele Geschwister, gibt’s da noch mehr?/ Deine letzte Freundin?/ Echt? Bei mir genauso,/ Macht mir überhaupt nichts/ Ich bin sogar froh“, später dann: „Wenn alles gefragt ist, alles gesagt ist,/ Ist alles getan/ Dann machen wir Schluss/ Und beim Nächsten/ Fängt’s wieder von vorne an.“ Wer je davor gewarnt wurde, Liebeslieder toll zu finden, weil die erstunken und erlogen seien, der wird sich in Brittas Welt zurechtfinden. Mit der hibbeligen Bissigkeit der Lassie Singers („Ich suche einen Riegel, der mir schmeckt“) hat das nur noch wenig zu tun.

Im Plattenladen sind Blumfeld und Britta durch nicht viel mehr als Phillip Boa, Billy Bragg und die Bright Eyes getrennt. Doch obwohl beide Bands auch gelegentlich gemeinsam auftreten, sprechen sie unterschiedliche Sprachen. Blumfelds Texte und Musik sind stets ein nach allen Seiten ausgreifendes Spiel mit Zitaten, Versatzstücken und Komplexitäten. Die Hamburger „Diskurspop“- Band mischt Lebensnähe mit stilisierter Verkopftheit. Texte von Britta sind dagegen nachdenklich, aber nie grüblerisch. Britta bleibt konkret, ihre Bilder und Gedanken gehen nie so weit, dass sie Theorie werden. Auch die Musik ist einheitlicher, weicher und außerdem – weiblicher. Britta rockt zwar, aber grölt nicht. Britta dröhnt nicht und lässt niemals die Verstärker heulen.

Natürlich hat Britta auch ihre aktuelle Platte selbst produziert und auf ihrem hauseigenen Label „Flittchen Records“ veröffentlicht. Der Klang des Albums hat dadurch dieselbe authentische Heimeligkeit bekommen wie der Vorgänger „Kollektion Gold“. Als hätte man die Musik bei den Musikerinnen im Wohnzimmer aufgenommen, besitzt „Lichtjahre voraus“ jene nonchalante Schrammeligkeit, die seit einigen Jahren Lo-Fi heißt. Keineswegs eine aufwendig produzierte Schrammeligkeit also, wie beispielsweise bei den Strokes, sondern eine unprätentiöse, im besten Sinne des Wortes selbst gemachte Schrammeligkeit, die so gut zu den verschroben schillernden Texten von Christiane Rösinger passt.

Eine zentrale Rolle nimmt die Pärchenlüge ein. Die beschäftigt Rösinger mindestens seit ihrer Zeit bei den Lassie Singers, als sie empört sang: „Pärchen müssen leider draußen bleiben.“ Heute klingt das abgeklärter: „Wir taten, was wir konnten/ Und es konnte doch nicht sein/ Es fängt mit L an und wir fielen darauf rein.“ Ausgerechnet „Wie ein Smith Song“ nennt sich das einzige Lied, das der Liebe etwas Positives abgewinnen kann: „Denn manchmal sind wir so wie ein Smith Song/ Manchmal wie Lou Reed, Perfect day/ Manchmal ein Musical und/ Manchmal auch gar nichts/ Aber was auch ist, es ist immer ok.“ So verneigt sich Britta vor den großen britischen Helden, und wie Tomte („Wilhelm, das war nichts“) oder Farin Urlaub („Und immer, wenn wir traurig waren ... dann hörten wir die Smiths“) kleidet sie ihre Ehrerbietung nicht in eine Coverversion, sondern in eine Hommage, die kaum mehr ist als eine Anspielung.

Ein Coverversion gibt es aber doch: „Wir müssen hier raus“ von Ton Steine Scherben. Dass sich die Siebzigerjahre-Hymne nahtlos in den Klang des Albums einfügt, zeigt, wo die musikalischen Wurzeln von Britta liegen. Wie Tränengasschwaden ziehen Erinnerungen vorbei, und man gerät dann doch ins Grübeln darüber, wie die Dinge einmal waren und warum um Himmels willen alles jetzt so anders gekommen ist.

Zum Glück gibt es auf „Lichtjahre voraus“ allerdings auch Lieder, die sich wie ein Angora-Pullover anfühlen – warm und flauschig: „Und wenn der feige Nieselregen auf mich fällt/ Und wenn der Ostwind wieder weht/ Wenn die alten grauen Nebel zu uns zieh’n/ Weiß ich, was ich an dir hab, Berlin.“ Der Schriftsteller David Wagner bestreitet den einzigen Gastauftritt auf dem sonst geschlossenen Album. Er schrieb eine seiner Erzählungen zu einem Liedtext um („Was alles fehlt“) und singt sogar. Es ist das letzte Lied und taugt vielleicht als Motto für diese wunderbare Platte: „Was alles fehlt“ – und der Rock, den man sich darauf macht.



FLITTCHEN RECORDS / CDs / WAGNER & POHL / LASSIE SINGERS